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Everest 2005 -> Reise-Newsletter |
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Es regnet. „Monsun is coming soon!” meint die Bedienung in einem gemütlichen Gartenrestaurant; das ich heute im Thamel entdeckt habe. Vom Verkehrslärm ist hier zum Glück nichts zuhören. Lediglich ein paar Krähen und Regentropfen. Leider fällt bei Regen meistens auch der Strom aus. Dementsprechend warm ist das „Everest“-Bier..... Am frühen Morgen (5.30 Uhr) habe ich
den Pushpatinath-Tempel am heiligen Bagmati-River besucht.
Trotz der frühen Stunde herrscht schon hektisches Treiben an den
Treppen am Fluss. Händler bauen ihre Stände auf, an denen sie später den
Touris verschiedenartigstes Kunsthandwerk „very cheap and very good“
verkaufen werden. Shadus fertigen sich gegenseitig ihre Gesichtsbemalungen. Für
ein paar Ruppees „darf“ man sich mit diesen heiligen (oder scheinheiligen
???) Männern ablichten lassen. Highlight ist der „Milk-Baba“, der sich
angeblich seit über 40 Jahren nur von Milch ernährt und der für ein paar
mehr Ruppees mit seinem erigierten Glied einen 20-KG-schweren Stein hochhebt.
-> Die Milch macht`s !!!!
Eine Schulklasse singt Lieder und aus dem für mich verbotenen
Tempelbezirk hört man den monotonen Singsang der Mönche. Ein älterer Mann
liegt wie friedlich schlafend auf einem Ghat, einem Treppenvorsprung direkt am
Fluss. Lediglich ein paar im Hintergrund heulende Frauen deuten darauf hin,
das es sich hier um eine Beerdigung bzw. Totenverbrennung handelt. Der tote
wird ausgezogen und die Wäsche (unter anderem eine verschissene Unterhose)
ins heilige Wasser geworfen. Dann wird der Tote in gelbe Tücher gewickelt,
auf einen Holzstoss gelegt und mit Blumen verziert. Diese Aufgaben müssen die
Söhne des Toten übernehmen, damit dieser ins Nirwana aufsteigen kann. Für
strenggläubige Buddhisten ein Grund solange Kinder zu zeugen, bis ein Junge
dabei herauskommt.... Nun tritt der ganz in Weiß gekleidete
„Brennmeister“ nach vorne, bedeckt die Leiche mit Stroh und zündet das
Ganze stilecht und ohne große Vorwarnung mit einem Feuerzeug an. Weißgrauer
Rauch steigt nach oben und schnell brennt der „Scheiterhaufen“ lichterloh.
Noch bevor das Feuer heruntergebrannt ist, verlässt die zumeist
emotionslose Trauergemeinde die Ghats. Der Brennmeister kehrt das noch
brennende Holz (oder auch Knochen) in den heiligen Fluss. Ein paar Meter
weiter waschen sich einige Gläubige im heiligen Wasser..... Es regnet nicht mehr und ich sitze
mittlerweile im Garten meines Hotels. Es ist angenehm kühl. Gleiches gilt für
mein „Everest“..... EVEREST !!! – Momentan tummeln sich
24 Expeditionen am höchsten Berg der Erde. Rund 200 mehr oder weniger Verrückte
wollen den Berg der Berge dieses Jahr besteigen. Einige der
„Herausforderer“ habe ich auf meiner Treckingtour getroffen und deshalb
kann ich das mit „mehr oder weniger verrückt“ nur unterstreichen.
Geschafft hat es dieses Jahr noch keiner und es bleibt nicht mehr viel Zeit.
Ab 25. Mai wird der Berg von der nepalesischen Regierung
„gesperrt“ und aufgrund des beginnenden Monsuns sind
Gipfelbesteigungen dann eh nicht mehr möglich. -Bleibt nur zu hoffen, dass
wie in den Vorjahren der „Berggott“ ein Einsehen hat, und den Gipfelstürmern
ein paar Tage schönes, wolken- und vor allem windfreies Wetter schenkt.
Ansonsten ist ein Desaster wie 1996 mit vielen Toten leider nicht auszuschließen.
„Zum Glück“ hat es bisher dieses Jahr „nur“ zwei Tote gegeben...... Eigentlich hatte ich ja nach dem Dschungelcamp und der verpassten Tibet-Tour überhaupt keinen Bock auf Trecking. Aber ich habe Dawa, dem Vater meiner Patenkinder, versprochen, dass ich ihm den Everest zeige........ Mit nur 3 Stunden Verspätung hebt die 24-sitzige Twin-Otter vom Kathmandu-Airport ab. Für Dawa ist es der Jungfernflug und er hält sich die ganze Zeit die Kotztüte vor den Mund.... Beim Landeanflug auf Lukla, bei dem das Flugzeug nur ein paar Meter über einen Berggrad fliegt, dann praktisch in der Luft stehen bleibt um dann steil abzufallen und am Ende von unten her die Lukla-Landepiste anzufliegen, macht nicht Dawa sondern ein Koreaner ein „Spuckerle“......
Lukla
(2.850 m) – Phakding (2.650 m)
Eigentlich ist die erste Tagesetappe
in rund 2 Stunden runter nach Phakding die einfachste der ganze Tour. Doch
nach wenigen Metern fängt mein rechtes Knie an zu schmerzen. Bei den wenigen
kurzen Anstiegen komme ich schnell außer Atem. Ich schiebe dies auf die Erkältung,
die ich mir vor ein paar Tagen eingefangen habe. – Vielleicht liegt es aber
auch an dem Rucksack, den ich vorne mitzutragen habe.... Von den Bergen ist
nichts zu sehen und es regnet immer mal wieder leicht. In der „Rekordzeit“
von 4 Stunden erreichen wir die Sunshine-Lodge in Phakding ! Von
„Sunshine“ kann allerdings keine Rede sein...... Am Abend überfällt ein
20-köpfiger koreanischer Gesangsverein mit Gitarrespieler die Lodge. OK –
die Jungs singen ganz gut. Aber muss es wirklich sein, dass ich „Oh
Tannenbaum“ mit ihnen singen muss ???? .... In der Nacht fällt die
Wasserzufuhr der Toilette (in der Regel durch zusammengesteckte Schläuche)
aus. Dementsprechend „verschissen“ sieht das Teil aus. Leider rebelliert
mein Magen in dieser Nacht des Öfteren und ich trage meinen Teil zur
„Verschönerung“ der Toilette bei. Ich beneide schon jetzt die arme Sau,
die diese Sauerei wegputzen darf...... Ich kann nicht schlafen. Mein rechtes
Knie schmerzt. Ich friere trotz Schlafsack und extra Teppich.... Wie bringe
ich Dawa bei, dass wir morgen einfach wieder zurückgehen ???? Phakding
(2.650 m) – Namche Bazar (3.450 m)
Dawa,
von Haus aus ein sehr zurückhaltender Mensch, klopft im Morgengrauen an meine
Tür. „Thomas. Come on. I
want to see Everest !“ -
Gewissensbisse ! Ich
kann den Mann nicht enttäuschen ! Und so machen wir uns (ich mit schmerzendem
Knie und Schnief) auf den beschwerlichen Weg nach Namche Bazar..... Ruhetag in
Namche
Namche (3.450 m)
– Deboche (3.750 m)
Im Kloster Tengboche frage ich einen Mönch, wann eine Zeremonie stattfindet. Dieser schüttelt mit dem Kopf und winkt mir, ihm zu folgen. Wir schlupfen durch eine niedrige Tür in einen langen, dunklen Gang. Der Mönch nimmt mich bei der Hand, denn ich kann selbige vor den Augen nicht sehen. Ich stolpere über eine Stufe und stehe plötzlich im „Wohnzimmer“ des Mönchs, das durch ein winziges Fenster etwas erhellt wird. Er bittet mich die Schuhe auszuziehen und führt mich ins Nebenzimmer – seinen „Prayer-Room“. Hier brennen Kerzen. Gebetsfahnen und handbemalte Thankas hängen von der niedrigen Decke. Überall hängen Bilder vom Dalai Lama und vom Ringpoche (Oberhaupt) von Tengboche. Den habe ich 2003 bei einem Festival kennengelernt. Der alte Mönch ist begeistert, dass ich nicht nur den Dalai Lama sondern auch seinen Ringboche kenne ! Er brennt nun Räucherstäbchen an, serviert Tee und Kekse und zelebriert eine „Punja-Zeremonie“ für mich, die normalerweise nur für Gipfelbesteigungen gemacht wird. Nach vielen „Oh mani padme hum’s“ prophezeit er mir eine Woche schönes Wetter mit „very good views“..... Naja; wenn ich so zu dem winzigen Fenster rausschaue sind da Zweifel schon angebracht..... Aufgrund meiner jahrelangen Everesterfahrung kann ich das
Mai-Wetter wie folgt definieren: Morgens klar und wolkenlos – später bewölkt
und Regen bzw. Schnee. Und je nachdem wie gut das Wetter ist bedeutet „später“
zwischen 6 und 12 Uhr morgens...... Wir gehen weiter zur angenehmen „Ama Dablam Garden
Lodge“ in Deboche. Am Abend regnet es. Deboche (3.750 m) – Periche
(4.280 m)
Ruhetag in Periche (4.280 m) Im Morgengrauen (also um ca. 5 Uhr) werde ich von einem Hubschrauber geweckt. Das kann nur eines bedeuten: Schönes Wetter !!! Ich schaue aus dem Fenster. Da dieses aber zugefroren ist, ist nichts zu sehen. Also raus aus dem Schlafsack und rein in die warmen Klamotten. Dick vermummt gehe ich vor die Lodge und bin vom Anblick überwältigt. Blauer, wolkenloser Himmel. Schneeberge wohin man schaut. Hunderte von Yaks ziehen über den zugefrorenen Talboden den Hang hinauf, auf dem sich die Sonne langsam nach unten vorarbeitet. Da wir uns in einem engen Tal befinden sind die „Großen“ nicht zu sehen. „Lediglich“ die Sechstausender Taboche Peak, Cholatse, Ama Dablam und am Talausgang der Kantega und der Thamserku leuchten nun in der Sonne..... Ich sitze den ganzen Tag in der Sonne und genieße die Aussicht. Erst am späten Nachmittag ziehen wieder Wolken das Tal herauf. Periche (4.280 m) – Lobuche (4.910 m)
Es ist wieder wolkenlos. Sobald die Sonne Periche
erreicht hat starten wir zur heutigen Tagesetappe hinauf nach Lobuche. Zuerst
geht es nur wenig ansteigend Richtung Talende. Wir folgen einer Yakherde, die
uns den Weg über einige Bachläufe vorgibt. Ich blicke immer wieder zurück,
denn das Panorama am Talausgang wird immer imposanter. Die Berge erscheinen
von hier noch größer. An einer verfallenen Yakhütte machen wir Rast und
beobachten einen Hubschrauber, der auf dem Weg ins Everest Basislager ist.
Erst am Abend erfahren wir, dass oben eine Eislawine das Camp 1 zerstört hat
und einige Verletzte ausgeflogen werden mussten..... Nun geht es wieder steil
aufwärts und mir geht schnell die Luft aus. Mein Höhenmesser sagt mir, dass
ich mich nun auf 4.400 m befinde. Also heute noch über 500 Höhenmeter. Ich
bin gottfroh, als wir in einer kleinen Lodge in Dughla (4.620 m) ankommen. Wir
stärken uns mit Tee und Yakkäse. Von hier ist der nächste, 200 Höhenmeter
betragende Anstieg, genau zu sehen. Dawa will weiter; doch ich brauche eine
ausgiebige Rast. Von oben erreichen 2 Pferde Dughla. Zwei höhenkranke
Deutsche lassen sich „rausreiten“. Beide sind ohne Ruhetag in Periche nach
oben gerannt.... Wir machen uns auf den beschwerlichen Anstieg. Gehirn
ausschalten und schön langsam einen Fuß vor den anderen setzen. Rechts ,
links, rechts, links – und irgendwann sind wir oben. Die Aussicht ist Klasse
und entschädigt für vieles. Neue Berge sind zu sehen; der Cholatse nun zum
Greifen nahe. Und jetzt ist auch der Nuptse (7.861 m) zu sehen. Dawa ist
allerdings enttäuscht, dass er den Everest noch nich zu Gesicht bekommt. Ich
vertröste ihn auf Morgen...... Auf der Passhöhe sind viele kleine „memorials“
aufgebaut. Unterschiedlich groß aufgeschichtete Steinmännchen, die für
jeden toten Bergsteiger im Everestgebiet errichtet wurden. Das größte
„Denkmal“ wurde für meinen alten Kumpel Babu Chiri Sherpa errichtet, der
2001 leider am Everest abgestürzt ist.... Weiter geht es nun am Rand
des Khumbu-Gletschers. Vom Gletschereis ist hier allerdings nichts zu sehen.
Lediglich Geröll und zwischendurch riesige Felsbrocken. Uns pfeifft ein
eisiger Wind ins Gesicht, doch der Himmel ist nach wie vor wolkenlos und es
herrscht eine phantastische Fernsicht....
Wir erreichen Lobuche, das windgeschützt in einem kleinen Seitental
liegt. Dort verbringen wir auf fast 5.000 Metern eine angenehme Nacht in einer
netten Lodge mit einer „vollen“ Toilette. -> In diesen Höhen befinden
sich die Toiletten in der Regel außerhalb der Lodge und haben ein Loch in der
Mitte, in das man möglichst treffen sollte. Bei „Treffern“ hört man
„es“ ein paar Meter weiter unten normalerweise aufklatschen. Nicht in
dieser Toilette, denn vom Loch bis zum oberen Rand „der Scheiße“ waren
nur wenige Zentimeter Platz. Und diese paar Zentimeter wurden in der Nacht
„aufgebraucht“, so dass es am nächsten Morgen entsprechend auf der
Toilette aussah – Scheiße halt !!!
Lobuche
(4.910 m) – Gorak Shep (5.140 m) Aufstieg zum Kala Pattar (5.545 m) Bereits um 4 Uhr wird es unruhig in der Lodge. Die ersten brechen zur Gipfelbesteigung auf. Da haben wohl manche Angst, dass das Wetter umschlägt. So ein Blödsinn. Eine Woche schönes Wetter hat der Mönch gesagt !!! ..... Wir bleiben im warmen Schlafsack und gehen erst nach einem ausgiebigen Frühstück mit den ersten Sonnenstrahlen los. Nachdem wir zuerst 50 Meter absteigen gibt es nun nur noch eine Richtung: nach oben !! Schön langsam; immer einen Fuß vor den anderen. Je höher wir kommen, umso öfter muss ich eine Pause einlegen. Wichtig ist nur, dass ich mich nicht hinsetze. Also das Gewicht immer nur auf die Wanderstöcke verlagern und versuchen, möglichst schnell wieder zu Atem zu kommen. Einige Inder und 2 Schweizer „rennen“ an uns vorbei.... Mit jedem Schritt kommen uns die Berge näher. Der Everest, der Nuptse und der Pumori sind zum Greifen nahe. In der klaren Morgenluft verzerren sich die Entfernungen. Oder ist das nur der Sauerstoffmangel ?? Drei völlig erschöpfte Inder sitzen am Wegesrand. Sie werden den Gipfel heute nicht schaffen. Dawa und ich erreichen nach knapp 2 Stunden den Kala Pattar, der aufgrund der tollen Wetterlage der letzten Tage schneefrei ist. Deshalb ist es uns möglich noch weiter aufzusteigen. Doch plötzlich geht es nicht mehr weiter. Zumindest nicht nach oben. Dafür aber mehrere hundert Meter hinunter zum Changri-Gletscher. Ich muss schnell wieder vom Abgrund zurücktreten, denn bei dem Anblick wackeln mir sofort die Knie. Die Aussicht zurück auf Nuptes, Everest und jetzt auch Lhotse (8.414 m) ist einfach nur toll. So nah war ich dem Everest noch nie ! Und auch in dieser Höhe war ich noch nie. Ich vergleiche mit den beiden Schweizern, die hier oben gerade eine Partie Schach spielen (warum auch nicht ??), unsere Höhenmesser. 5.615, 5.616 und 5.618 Meter werden angezeigt. Wir einigen uns auf die 5.616 Meter !!! Weit
unter uns zieht sich der Khumbu-Gletscher Richtung Süden. Von hier oben sind
seine gewaltigen Eismassen schön zu sehen. Mehrere Gletscherseen mit
teilweise graudreckigem und teilweise smaragdgrünem Wasser sind auszumachen.
Am Gletscheranfang sieht man die vielen bunten Zelte vom Everest Base Camp.
Dawa und ich verbringen mehrere Stunden hier oben. Wir genießen einfach nur
das tolle Wetter, die tolle Aussicht und die absolute Stille, die lediglich
durch den Wind und einzelne Lawinen unterbrochen wird......... Gorak
Shep (5.140 m) – Periche (4.280 m) – Namche Bazaar (3.450 m) – Lukhla Wie
bei den meisten Treckern üblich, “renne” auch ich nach einer
Gipfelbesteigung in nur drei Tagen nach Lukhla zurück. Die Wetterverhältnisse
sind immer noch top. Wolkenloser Himmel und Sonnenschein den ganzen Tag. In
Tengboche will ich noch meinen „Wetter-Mönch“ besuchen und ihm danken. Er
ist aber nicht aufzutreiben........... |