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Everest 2003 -> Trekking zum Chhukung Ri


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 Dia-Show Everest 2003


Die Anreise mit der Übernachtung in Abu Dhabi ist die übliche Routine – wenn man mal davon absieht, dass mich die Flugkontrolle in Frankfurt bis auf die Unterwäsche ausziehen lässt. Meine Wanderstiefel werden speziell durchleuchtet und mein im Handgepäck mitgeführter, vorsintflutlicher, 6,5 Kilo schwerer Laptop (Mitbringsel für meinen Kumpel Temba) wird auf Sprengstoff untersucht….

Am Kathmandu Airport werde ich bereits von “meiner Familie” erwartet. Ein Blumengebinde wird mir um den Hals gelegt und ein paar Blumensträuße werden mir in die Hand gedrückt. Nima wird rot, als ich Ihr einen Schmatz auf die Backe drücke.. Quartier beziehen, duschen und dann geht es zur Begrüßungsparty in Tembas Wohnung….

Zum besseren Verständnis etwas “Familien-Geschichte”: Seit letztem Jahr finanziere ich mit jährlich 3.000 US-Dollar die Schulausbildung der Geschwister Nima (16), Sonam (11) und Lobsang (7). Die Kinder stammen aus dem Langtang-Tal, wo sie vorher auf eine staatliche Schule gingen.

 

Allerdings mussten sie dafür täglich rund 5 Stunden Fußmarsch auf sich nehmen um dann des Öfteren festzustellen, dass die schlecht- oder gar nicht bezahlten Lehrer nicht anwesend waren…Jetzt erhalten die Kinder an der “Ideal English School” (IES) , einer Privatschule incl. Internat in Kathmandu, eine schulische Ausbildung, die ihnen eine gute Chance für ihr weiteres Leben bietet. Die Eltern der drei, Dawa und Suku, sowie drei weitere jüngere Geschwister betreiben die Bamboo-Lodge im Langtang-Tal. Temba ist der Onkel “meiner Kinder”. Er betreibt in Kathmandu ein Trecking-Büro und hat dort auch mit seiner 8-köpfigen Familie eine Wohnung. Auch seine Kinder sind teilweise “gesponsert” und gehen auf die IES. Seine Wohnung ist an schulfreien Tagen Anlaufstelle für alle Kinder der “Großfamilie” und auch Gäste aus dem Langtang kommen bei ihm unter. Jetzt darf man sich seine Wohnung aber nicht als riesige Luxusvilla vorstellen. Eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und eine Toilette mit Wasseranschluss stehen für 5 bis 15 Personen zur Verfügung. Je nachdem wie viele Personen halt gerade da sind. - Und heute ist die Bude voll. Tembas komplette Familie, meine Kinder und deren Vater, der extra zu meiner Begrüßung die eintägige Busfahrt nach Kathmandu auf sich genommen hat, sowie Didi (ebenfalls ein Sponsor aus Deutschland) und dessen schwedischer Kumpel Alex. Ein sehr gutes Abendessen, ein paar Biere , nette Gespräche, viel Gelächter…erst nach Mitternacht fahren Alex und ich ins Hotel zurück.

Um 6 Uhr werde ich vom Krach auf der Strasse geweckt. Obwohl heute Buddahs Geburtstag – und somit Feiertag ist, herrscht im Thamel, dem Touriviertel Kathmandus, geschäftiges Treiben… Hier hat sich  in den letzten Jahren wenig geändert: Hupende Autos und Motorräder auf den staubigen, engen Strassen; Fahrrad-Rikschas und Taxis an allen Ecken; Souvenirgeschäfte, Restaurants, Hotels und Internet-Cafes reihen sich aneinander. Auch das “Thamel-Volk”, das so gar nicht dem “normalen Nepali” entspricht, ist das gleiche geblieben: “No money – only milk for my baby” -> Milch wollte der gleiche Typ bereits letztes Jahr von mir. Auch der kleine einarmige Junge,der alle Hauptstädte dieser Erde kennt und fürs Aufsagen eine Cola will, ist wieder da. “Shoe Shine, your shoes are very dirty” – und das, obwohl meine Ma die Schuhe wirklich ordentlich geputzt hat. “Tiger-Balm, Hasch, Marihuana .. or a nice woman”.

Am Nachmittag feiert die Großfamilie – wir sind jetzt über 20 Leute, denn irgendwoher sind noch ein paar Kinder aufgetaucht- in Swayambunath-Tempel den Geburtstag von Buddah. Da noch rund 20.000 andere Nepalis das gleiche tun wird das “Zusammenhalten der ganzen Herde” ziemlich stressig. Jeder Erwachsene nimmt zwei Kinder an die Hand und wir ziehen los… Wir huldigen Buddah, indem wir einen Schal kaufen und diesen einer Figur umhängen. Ein Mönch nimmt den Schal sofort wieder ab und bringt ihn an den Verkaufsstand zurück… Als Glücksbringer kaufen wir kleine Vögel und lassen sie fliegen..  Unzählige Gebetsmühlen werden gedreht. Vor allem die über 3 Meter großen Teile bereiten den Kindern große Freude, denn die nutzen diese als Karussell.  Kerzen werden angebrannt. Mönche leiern ihr “Om mani padme um” als Sprechgesang. Ein irritierender Geruch liegt in der Luft: der angenehme Geschmack von Essen und Rächerstäbchen und gleichzeitig der Gestank von Smog und Abfall. Fröhliche Menschen in farbenfrohen Gewändern – aber auch zerlumpte Bettler, die am Boden liegen. Ein toter Hund ….. alles ganz normal!! Am Abend laden Didi, Alex und ich alle zum Pizza-Essen ein….

Um 6 Uhr steht mein Taxi hupend vor dem Hotel, denn ich fliege heute nach Lukhla ins Everestgebiet. Letztes Jahr konnte ich ja leider nicht hierher fliegen, da die Maoisten kurz vor meinem Abflug den Lukhla-Tower in die Luft gesprengt hatten. – Die politische Situation hat sich übrigens mittlerweile entspannt. Friedensgespräche zwischen den Maoisten und Royalisten wurden erfolgreich geführt und seit Anfang März hat es keine Gefechte mehr gegeben.

Da es fast wolkenlos ist, bekomme ich das Himalaya-Gebirge erstmals zu Gesicht. Am neuerbauten Lukhla-Tower (2.800m) werde ich von vielen Sherpas empfangen, die mein Gepäck für rund 7 Euro am Tag durch die Gegend tragen wollen. Ich lehne dankend ab und mache mich auf den Weg. Der Kanadier Cameron schließt sich mir an und wir wandern runter nach Ghat (2.500 m) und dann das Dudh-Kosi-Tal hinauf nach Monjo (2.800m). Leider stellt sich bereits heute mein “Everest-Problem” ein: die Scheißerei ! Ich habe Bauchschmerzen und kann die Landschaft irgendwie nicht genießen. In der Nacht pendle ich zwischen Bett und Blumps-Clo und finde keine Minute Schlaf. Entsprechend gerädert bin ich am folgenden Morgen. Ich kann in keinem Fall weiter. Deshalb verbringe ich im Garten des “Monjo Guest House” einen erholsamen Tag in der Sonne – und hole mir nebenbei einen Sonnenbrand. Durch die fürsorgliche Pflege des Hausmütterchens, die mir schwarzen Tee, trockenen Reis und Knoblauchsuppe macht, erhole ich mich überraschend schnell und kann am nächsten Tag den anstrengenden Aufstieg nach Namche Bazar (3.450m) in Angriff nehmen.

Doch zuerst dürfen Cameron und ich am Eingang des “Sagarmatha National Park” unsere 1.000 Ruppees Eintrittsgeld bezahlen. Ein kurzer, steiler Abstieg zum Dudh Kosi, den wir auf einer 120 m langen Hängebrücke überqueren müssen. Das ist gar nicht so einfach, denn eine Herde Yaks versperrt uns den Weg. In Jorsale (2.700m) genehmigen wir uns einen letzten Tee, bevor es nur noch in eine Richtung geht: aufwärts !

Erstes Hindernis ist die Hillary Bridge, die in 85 Meter Höhe über die Einmündung des Bote Kosi in den Dudh Kosi führt. Der Blick von der mit Gebetsfahnen geschmückten Brücke runter ins Tal ist Klasse. Doch wir können nicht lange verweilen. Ein scharfer Wind weht uns fast die Mützen vom Kopf und außerdem ist auch schon wieder eine Yakherde im Anmarsch… Jetzt kommt das steilste Stück der Strecke. In unzähligen Kehren geht es auf dem staubtrockenen Weg steil nach oben. Viele in den Fels gehauene ,ungleich hohe Treppenstufen machen einen gleichmäßigen Tritt unmöglich. Die Sonne knallt auf uns nieder… Nach 4 Stunden erreichen wir – erstaunlicherweise noch relativ fit – die “Provinzhauptstadt” Namche Bazar.

Die rund 150 großen Steinhäuser mit ihren farbenfrohen Wellblechdächern sind ein einem Halbkreis in den Hang gebaut. Die Höhenangabe von 3.440 m ist deshalb auch mit Vorsicht zu genießen, denn der Ort erstreckt sich mit Sicherheit über mehr als 100 Höhenmeter… Wenn ich sage, dass sich Kathmandu in den letzten Jahren kaum verändert hat, so trifft das auf Namche bestimmt nicht zu. Hier hat sich seit meinem letzten Besuch im Jahr 2000 viel getan : Mehr als 10 neue Hotels; jedes Haus hat Strom und somit krachmachende Radios und TVs; mehrere Internet-Cafes -> Blumps-Clo und Internet-Cafe - welch Zwiespalt, Waschmaschinen, Kühlschränke, Satelliten-Telefone, Leuchtreklamen, ein Kino ! Der Apfelstrudel in der German-Bakery wird jetzt in der Mikrowelle erhitzt und an jeder Ecke stehen Abfalleimer (ob die allerdings geleert werden und was mit dem Müll passiert habe ich noch nicht herausgefunden)… Wir sind uns nicht einig, ob all diese Neuerungen für den Ort gut sind… vielleicht gibt es ja in ein paar Jahren einen Sessellift, der von Monjo nach Namche hochführt….

Heute findet der Everest Marathon statt ! Die Strecke führt vom Everest Basislager herunter nach Namche Bazar. Der Sieger der knapp 100 Teilnehmer braucht für die 42 km lange Strecke 3 Stunden und 40 Minuten. Ich laufe unter dem Jubel der zahlreichen Zuschauer mit der Startnummer 21 als Siebzehnter über die Ziellinie…

Wenn man von Namche zum Nationalparkbüro hoch läuft, kann man zum ersten mal in der Ferne den Mt. Everest (8.850m) sehen. Über seinem Gipfel weht ein strenger Wind, der einen weißen Kondenzstreifen erzeugt. Rechts vom Everest die Gepfel von Lothse (8.386m) und Nuptse (7.879m). Im Vordergrund der schöne Ama Dablam (6.856m). Die Sonne spiegelt sich in den Schneefeldern vom Thamserku (6.608m) und dem sattelförmigen Gipfelgrat des Kantega (6.779m)….

Das Wetter hat sich merklich verschlechtert. Lediglich am frühen Morgen sind die Berge noch zu sehen – und “früh” heißt hier zwischen 5 und 7 Uhr ! Dann ziehen Wolken auf und nachmittags regnet es meistens. Trotzdem mache ich mich auf den Weg nach Thame (3.800m), das in einem Seitental westlich von Namche liegt. Der Weg ist die traditionelle Handelsroute der Tibeter, die aus ihrer Heimat über den Himalaya herüberkommen, um in Namche ihre Ware zu verkaufen. Momentan ist auf dem Weg aber nicht los, da die Chinesen wegen SARS sämtliche Grenzübergänge dichtgemacht haben…. Weit unter mir donnert der Dudh-Kosi talabwärts; viele buntbemalte Mani-Stones (Gebetssteine) und einige kleine Orte mit schönen Chortens, von denen „die allessehenden Augen Buddahs” in die 4 Himmelsrichtungen blicken. Von der Bergwelt ist aufgrund der Wolken nichts zu sehen…

Thame liegt in einem Hochtal und ist (angeblich) von Schneebergen umgeben. Wenigstens macht die Sunshine-Lodge ihrem Namen Ehre, denn zwischendurch dringen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Nach einem Regenguss am Nachmittag reißen die Wolken etwas auf und rund 200 Höhenmeter über mir erkenne ich direkt in den Hang gebaut das Kloster von Thame. Ich nehme den Aufstieg in Kauf und habe Glück. Ein Mönch schließt mir den “Prayer-Room” auf und erlaubt mir sogar Bilder zu machen. Farbenfrohe Gemälde mit wildaussehenden Figuren des Buddhismus schmücken die Wände und die Decke. Von der hängen noch viele Thankas (Stoffgemälde) herunter, von denen viele über 400 Jahre alt sind. Mehrere Buddah-Figuren sitzen ehrfürchtig im Schneidersitz herum. Highlight des Klosters ist aber ein Yeti-Skalp, der gut verschlossen in einer Truhe versteckt ist…

Am Abend dann ein beeindruckendes Naturschauspiel: Innerhalb weniger Minuten verschwinden die Wolken fast komplett und die Berge kommen zum Vorschein. Der Kwagde (6.718m) ragt direkt hinter dem Dorf steil in die Höhe und wird von einigen namenlosen Schneegipfeln umgeben. Auf der anderen Seite steht ein schattigschwarzer Bergriese, dessen Gipfel von Wolkenfetzen umweht wird. In der Ferne sind Thamserku und Kantega zu sehen. Im Licht der untergehenden Sonne erscheinen die Gipfel dunkelrot. Genauso schnell wie die Wolken verschwunden sind, ziehen sie nun plötzlich wieder das Tal herauf. Innerhalb von 5 Minuten befinde ich mich in einer Waschküche....

Da sich die schöne Bergwelt heute wieder nur frühmorgens zeigt, muss ich im Nebel nach Namche zurücklaufen. Ein kalter Wind macht die Wanderung auch nicht angenehmer. Wenigstens erreiche ich Namche bevor es anfängt zu regnen. Keine Ahnung wie es jetzt weitergeht. Bei der derzeitigen Wetterlage macht ein Aufstieg zB zum Basislager des Everest vorerst keinen Sinn. Aber tagelang in Namche rumhängen will ich auch nicht. Und wieder zurück nach Kathmandu gleich zweimal nicht… naja; schau mer mal !

Trotz schlechtem Wetter steige ich weiter auf. Die erste Etappe führt mich zu meiner alten Freundin Ang Tashi nach Kenjoma (3.800m). Der Weg führt am steil abfallenden Hang entlang. Rund 600 Höhenmeter weiter unten bahnt sich das Wasser des Dudh-Kosi seinen Weg ins Tal. Zwei Thar-Herden (nep. Gemsenart) kreuzt meinen Weg. In der Ferne ist auf einem Hügel das Kloster Tengboche zu sehen. Dahinter ragen Lothse, Nuptse und der Mount Everest in den Himmel.

Doch schon von hier aus – wie auch die nächsten Tage – dominiert der Ama Dablam das Bild. Dieser 6.856 m hohe Berg ist einfach schön. Der östlich gelegene Ama Dablam sieht im Gegenlicht der Morgensonne aus wie eine gemalte, große Kirche...

Bei Ang Tashi werde ich herzlich aufgenommen. Auch ihr übergewichtiger Ehemann ist anwesend. Der erzählt mir, dass er in den Achtzigern zweimal den Everest bestiegen hat. Aufgrund seines Aussehens glaube ich ihm nicht. Deshalb werden Beweisphotos hervorgeholt und wir machen einen schönen Bilderabend. Kammerlander, Habeler, Hillary. Messner mit entblößtem Oberkörper und Messner beim Pinkeln..... Weniger schön ist die Geschichte von zwei Mädchen (11 und 13 Jahre), die momentan von Ang Tashi betreut werden. Der Vater der beiden ist vergangenen Herbst tödlich verunglückt und Ende März ist nun auch noch die Mutter gestorben. Irgendeine „Sozialversicherung“ gewährleistet, dass die beiden weiterhin noch bis Ende des Jahres die Hillary-Schule (incl. Internat) in Khumjung besuchen können. Und dann ?? Achselzucken ! 500 US-Dollar werden jährlich benötigt, damit beide weiterhin eine Schule und ein Zuhause haben…..

Der nächste Tag bringt mich zum Kloster Tengboche (3.950m). Im Morgennebel geht es zuerst 600 Höhenmeter runter zum Dudh Kosi und dann auf einem steilen, staubigen Weg 800 quälende Höhenmeter rauf nach Tengboche. Doch ich werde für die Schinderei belohnt, denn am Mittag reist der Himmel auf. Das Panorama ist das gleiche wie von gestern – aber die Berge erscheinen jetzt zum Greifen nah.... In Tengboche herrscht geschäftiges Treiben. Vorbereitungen zum 50-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung des Everest. Ich gehe deshalb weiter in die angenehme „Ama Dablam Garden Lodge“ nach Debuche (3.800m).

In den nächsten Tagen geht es dann weiter nach oben. Immer schön langsam – zur Vorbeugung gegen die Höhenkrankheit. Überraschenderweise hat sich auch die Wetterlage stabilisiert. Von den Vorboten des Monsuns ist nichts mehr zu sehen. Es herrscht das übliche Maiwetter: Frühmorgens wolkenlos und tolle Sicht. Mittags ziehen Wolken auf und am Nachmittag dann grau in grau. Deshalb heißt es früh aufstehen. 5 Uhr !!! Dafür werde ich aber mit spektakulären Sonnenaufgängen am Ama Dablam belohnt. Highlight ist aber jedes mal, wenn sich die Sonne langsam über die Lhotse/Nuptse-Wand schleicht. Es wird schlagartig um ein paar Grad wärmer, wenn einem die Sonne plötzlich ins Gesicht scheint.....

27. Mai: Ich bin in Chhukung (4.730m) und habe den Ama Dablam mittlerweile „umrundet“. Die Rückseite des Berges hat zwar nicht mehr die malerische Kirchenform, doch dafür ist eine schneeweiße, zerkluftete Gletscherwand zu sehen. Auf der anderen Seite ragt die im Schatten liegende Lothse/Nuptse-Wand bedrohlich in die Höhe. Der Ort (5 Häuser) ist ausgestorben. Ich bin der einzigste Besucher und somit auch der einzigste, der heute den Chhukung Ri (5.405m) besteigen wird. Oder es zumindest versucht....

Ich erspare es mir jetzt die Qualen zu schildern, die mich der Aufstieg kostet; wenn ich für jeden Schritt mehrere Atemzüge benötige, weil die Luft merklich dünner wird..... Nach 3 Stunden Aufstieg werde ich mit einer – im wahrsten Sinne des Wortes – „atemberaubenden“ Aussicht belohnt. 360 Grad „Himalaya pur“ !!! Mit Lothse (8.501m), Makalu (8.475m) und Cho Oyu (8.153m) liegen drei Achttausender zum Greifen nah vor mir. Lediglich der Everest ist nicht zu sehen. Die Gletscherwand des Ama Dablam liegt im gleißenden Sonnenlicht direkt vor mir. Auf der anderen Seite der geröllbedeckte Nuptse-Gletscher mit mehreren Gletscher-Seen. Zwei Steinadler gleiten lautlos durch die Lüfte. Auf dem Gipfelplateau des Chhukung Ri sind einige Steinmonumente errichtet -> Die einheimischen Sherpas glauben zwar nicht, dass die Seelen der Toten wiederkehren. Doch sie glauben, dass den Toten mit den Steinmonumenten auf den Berggipfeln zumindest eine tolle Aussicht ermöglicht wird. – Sentimentalität überkommt mich, und ich baue für meinen im Vormonat verstorbenen Kollegen Wolfgang ein solches Steinmonument....

Stundenlang genieße ich die Aussicht und die Sonne. Am frühen Nachmittag ziehen dann Wolken aus dem Tal herauf und der Wind wird spürbar kälter. Ich steige wieder ab.........

29. Mai 1953, 11.30 Uhr: Der Neuseeländer Sir Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay erreichen als erste Menschen den Gipfel des Mount Everest ! Ein geschichtsträchtiges Ereignis für das kleine nepalesische Königreich, denn mit den Bergsteigern kamen auch Devisen in eines der ärmsten Länder der Welt.       50 Jahre ist das nun her und deshalb wurde jetzt Jubiläum gefeiert. In Kathmandu trafen sich über die Hälfte der bisher rund 1.200 Everestbesteiger (Summiter) und am Kloster Tengboche feierten die einheimischen Sherpa. Da ich nicht zum Summitertreffen eingeladen war, bin ich in Tengboche. Rund 200 Touris und 500 Einheimische drängen sich um die kleine Bühne vor dem Kloster.

Die Sherpas sind alle in ihren farbenfrohen Sonntagsanzügen erschienen. Besonders lustig sehen die „Cowboyhüte“ der Männer aus, die irgendwie nicht hierher passen. Die Mönche tragen ihre traditionellen roten Kutten. Plötzlich ertönt eine Art Flöten- und Trötenmusik: das buddhistische Oberhaupt der Region, der Ringboche, hält Einzug. Er lässt sich auf einem erhöhten Thron nieder um auf seine Schäfchen herabzublicken. Dritter Ehrengast (neben dem Ringboche und mir) ist Peter Hillary, Sohn des legendären Sir Edmund und selbst zweifacher Summiter. Die feierliche Prozedur beginnt mit einem Liedvortrag von fünf jungen Männern. Da es nur ein Mikro gibt ist allerdings nur einer über die altersschwachen Lautsprecher zu hören – und der kann leider nicht singen. Das Publikum spendet artig Beifall.... Es folgen Sherpa-Tänze !

Eigentlich habe ich ja bei den Cowboyhüten so was wie Square-Dance erwartet. Doch weit gefehlt. Rund 10 Minuten lang brummt der älteste (und somit zahnlose) Sherpa etwas vor und die anderen Männer wiederholen das. Die Frauen leiern die ganze Zeit ein „ahh-ahh-ah“ vor sich hin. Der Tanz besteht aus Fußstapfen: rechts – links – links – rechts.... erinnert mich an eine überaus langsame Version des Sirtaki.. Mehr Action kommt dann auf, als die Mönche einen Teil der Mani-Rimdu-Zeremonie aufführen. Bunte Gewänder, grelle Masken mit Fratzengesichtern, ein Drache, Trötenmusik, viele „Ommms“, ein mit Butter beschmiertes Yak.... Dann werden noch einige Reden geschwungen und die 5 Sängerknaben dürfen nochmals ans Mikro..

Zum Mittagessen gibt es im Kloster kostenlos Dal-Bhat: Reis, Kartoffeln und Linsensuppe. Traditionell wird mit einer  Hand (der linken) gegessen.. Plötzlich klopft mir eine Sherpa-Dame auf die Schulter: „ You take your shitty-hand !“ -> Ich nehme nun auch die linke und verzichte darauf ihr zu erklären, dass ich mir (anders als die Nepalis) mit der rechten Hand den Hintern wische......

Plötzlich wird es laut. Ein Hubschrauber landet nur wenige Meter neben der Bühne. Eine riesige Staubfontäne wird aufgewirbelt. Mehrere Yaks suchen erschreckt das Weite. -> Eine Gruppe japanischer Summiter vom Basislager, die entsprechend gefeiert werden.

Ein Mönch spricht mich an: „ This people are climbers – not walkers. For this reason they have to fligh out.” In der Folgezeit ergibt sich eine interessante Diskussion über das Thema Everest: „ Everest is like a toy !“ Rund 1.000 Bergsteiger bevölkerten dieses Jahr das Everest-Basislager. Eine Bevölkerungsdichte, die in Nepal nur in Kathmandu und Pokaha übertroffen wird. Während früher dort oben bei Punja-Zeremonien Milchtee getrunken wurde und Gebetsfahnen im Wind flatterten, so werden heute Bierpartys gefeiert und Flaggen mit Sponsorenlogos beherrschen das Bild. Auch dieses Jahr haben wieder 168 Bergsteiger (63 Touris und 105 Nepalis) den Everestgipfel erreicht. Aber nur, weil der Berg und die Götter kurz vor Ende der Saison ein Einsehen hatte. „Lhag Yello !“ – Die Götter haben den Aufstieg erlaubt !! (Über den Spruch „Dem Berg ist es sowieso egal“ lachen die Einheimischen nur verächtlich.) -> Was wäre bei soviel Leuten passiert, wenn der Berg an den 3 Gipfeltagen wie bei der Katastrophe 1996 schlechtes Wetter geschickt hätte ??? Nicht auszudenken.... So haben in dieser Frühjahrssaison „nur“ 5 Personen ihr Leben verloren! Doch dies ist vielen Leuten dort oben egal und „in solchen Höhen ist man dümmer als gewöhnlich“. Es lockt der Ruhm, Geld und der besondere „Kick“ – auch wenn es für manche der letzte ist. Immer neue Varianten des Auf- und Abstiegs werden gewählt und im Erfolgsfall als „Rekord“ verkauft. Dieses Jahr wurde ein 74-jähriger Japaner von 8 Sherpas auf den Gipfel „gezogen“. Ein Blinder, ein Beinamputierter, Abfahrt mit Ski oder Snowboard, Runterfliegen im Tandem-Paraglider, Streckenrekorde rauf und runter.... -> „Everest is like a toy !“ Doch was viele vergessen: „In der Geschichte des Everest haben Sherpas stets die größten Lasten getragen – und den geringsten Ruhm geerntet !“